Mutationen: Interdisziplinäres Residenzprogramm


Die KfW Stiftung und Akademie Schloss Solitude freuen sich über ihre Zusammenarbeit im Rahmen eines neuen Programms zur Förderung des transdisziplinären und transkulturellen Dialogs sowie der kritischen Reflexion zwischen Kunst und Wissenschaft. Mit diesem interdisziplinären thematischen Residenzprogramm erweitert Akademie Schloss Solitude – erstmals in ihrer 30-jährigen Geschichte – ihr Profil um ein inhaltliches Programm. Künstler*innen, Wissenschaftler* innen und Kreative sind eingeladen, über einen thematischen Rahmen miteinander in Austausch zu treten. Die erste thematische Ausschreibung 2019 stand unter dem Schwerpunkt „Mutationen“. Die Bewerbungsfrist für den aktuellen Jahrgang ist abgelaufen.

Veranstaltungen

Publikationen

Stipendiat*innen 2020/21

Partner

Wer konnte sich bewerben?

Diese offene Ausschreibung richtete sich an Bewerber*innen aus allen Bereichen der Kunst und Wissenschaften – VISUELL (Visuelle Kunst und Medien), AUDITIV und PHYSISCH (Musik und darstellende Kunst), DIGITAL (Digitale Kunst, Gaming, digitaler Journalismus, digitales Publizieren), RÄUMLICH (Architektur und Design), TEXTLICH (Literatur und Sprache), GESELLSCHAFTLICH (Bildung, Vermittlung, Theorie), WISSENSCHAFTLICH (Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften). Das Programm richtet sich an Young Professionals mit unterschiedlichen fachlichen Schwerpunkten, die ein ausgeprägtes Interesse an einem transdisziplinären Ansatz und eine starke Motivation für Gruppeninteraktion haben. Insbesondere Künstler*innen mit nicht-westlichem Wissenshintergrund wurden ermutigt, sich für das Stipendium zu bewerben. Es gelten die Bedingungen der Akademie Schloss Solitude.

MUTATIONS
MUTATIONS

Fokusthema: Mutationen

Mutationen sind Prozesse mit unvorhersehbaren Folgen: Transformation, Kontrollverlust und Irreversibilität, aber auch Vielfalt, Metamorphose und Hybridität. Es ist diese Unbestimmtheit und der assoziative Reichtum, der Mutationen unheimlich und attraktiv zugleich macht.

In der Biologie und Genetik beziehen sich Mutationen auf eine Veränderung der DNS, den elementaren Code des Lebens. Mutationen treten als Variation und Veränderung auf, als unvorhergesehene Transformation von Material oder Umgebung. Mutationen entstehen an der Schnittstelle genetischer Codes und manifestieren sich in einer Veränderung aller Aspekte des Lebens, in der physischen Beschaffenheit von Lebewesen. Sie beeinflussen unsere ökologische, soziale und politische Umwelt und wirken sich auf die Gestaltung kultureller Räume aus. Mutationen bergen ein enormes Potenzial für radikales Denken und Wandel. Sie widersprechen der bestehenden Ordnung, fordern Hierarchien heraus und läuten vielleicht den Aufbruch in ein neues Zeitalter ein.

Die ökologische Krise und soziale Ungleichheiten stellen alle Gesellschaften von heute vor große strukturelle Herausforderungen. Residenzprogramme dienen als Experimentalräume, in denen die Teilnehmer*innen mutierende Prozesse beobachten, analysieren und hinterfragen. Durch die Linse der Mutationen können wir diese Prozesse von Grund auf neu bewerten und neue Verbindungen knüpfen. Wie können wir in Zeiten eines tiefgreifenden gesellschaftspolitischen und ökologischen Wandels über Mutationen nachdenken? Wie können wir die Vielfalt und Vielfältigkeit, die den Mutationen innewohnt, entfesseln? Was bedeutet »Mutation« im Beziehungsgeflecht von künstlerischer, sozialer und planetarischer Arbeit? In diesem Sinne dient »Mutationen« als Thema, das sowohl wissenschaftlich als auch künstlerisch aus ineinandergreifenden Blickwinkeln untersucht werden kann. Die Gruppe der sieben ausgewählten Fellows wird das Thema über einen Zeitraum von neun Monaten gemeinsam bearbeiten. Durch monatlich stattfindende Labs gestalten sie das interne Programm der Akademie mit und beteiligen sich auch an öffentlichen Veranstaltungen. Während ihres gesamten Aufenthalts werden die Fellows von Mentor*innen begleitet.

»Mutationen« ist eine Kooperation der Akademie Schloss Solitude und der KfW Stiftung zur Förderung des transdisziplinären und transkulturellen Dialogs zwischen Kunst und Wissenschaft. Durch die Einladung von Künstler*innen, Wissenschaftler*innen und Kreativen aus allen Bereichen zu einem zielgerichteten Gruppengespräch innerhalb eines vorgegebenen thematischen Rahmens fördert das 9-monatige Programm die kritische Reflexion und künstlerische Produktion sowie den Austausch über Disziplinen hinweg.


Jury und Mentor*innen 2020

Mitglieder der 2019 stattgefundenen Jury-Sitzung waren Neo Muyanga, Dr. Pinar Yoldas, Nishant Shah, Prof. Dr. Giovanni Galizia sowie Sepake Angiama. Sie werden die ausgewählten Stipendiat*innen während der Residenz beratend als Mentor*innen zur Seite stehen. 

Die Jury-Sitzung wurde begleitet von Daniela Leykam (KfW Stiftung), Elke aus dem Moore (Direktorin Akademie Schloss Solitude), Yasemin Keskintepe (Persönliche Referentin der Direktorin Akademie Schloss Solitude), Louisa Schmitt (Assistentin Ausschreibung Thematischer Fokus).

Auswahlverfahren

Eine Jury, bestehend aus verschiedenen internationalen Expert*innen der jeweiligen Fachbereiche, sichtet die Bewerbungen und entscheided über die Auswahl der Stipendiat*innen. Das Auswahlverfahren wird begleitet von Daniela Leykam (KfW Stiftung) und Elke aus dem Moore (Direktorin Akademie Schloss Solitude). 


Stipendiat*innen 2020/21

Angela Anderson (*1976 in Marinette/USA) ist Künstlerin und Wissenschaftlerin. Sie arbeitet an den Schnittstellen von Philosophie, Ökologie, Ökonomie, Migration, Feminismus und Queer-Theorie. Im Fokus ihrer Arbeit liegen insbesondere die verheerenden Auswirkungen von Großprojekten zur Gewinnung natürlicher Ressourcen und die komplexen wirtschaftlichen, sozialen, historischen, ästhetischen und affektiven Kräfte, die in ihnen zusammenwirken. Ihre künstlerische Produktion erfolgt in Form von Mehrkanal-Video- und Toninstallationen, skulpturalen Elementen und Fotografie.

Durch das Experimentieren mit audiovisuellen Formen schafft Anderson Kartografien von multiplen Zeitlichkeiten, die sich der verflachenden Zeit des Kapitalismus widersetzen. Ihre Arbeit aktiviert verschiedene Arten des Sehens und Wahrnehmens von affektiven Beziehungen der Anerkennung und Gegenseitigkeit angesichts der multiplen, vom Menschen verursachten Krisen, die sich gegenwärtig auf der ganzen Welt abspielen.

Zu ihren aktuellen Projekten zählt die audiovisuelle Arbeit Three (or More) Ecologies: A Feminist Articulation of Eco-Intersectionality (seit 2018) und den Kurzfilm The Sea Between You and Me (2016).  Mit Angela Melitopoulos realisierte sie Unearthing Disaster (2013–2015), die Videoinstallation The Refrain (2015). Für die documenta 14 arbeitete als Co-Autorin zusammen mit Melitopoulos an Crossings (2017).

Jüngste Ausstellungen: Tallinn Photomonth Biennale/Estland (2019), Tiroler Kunstpavillon, Innsbruck/Österreich (2019), Centro Andaluz de Arte Contemporáneo, Sevilla/Spanien (2018), Holbaek Images/Dänemark (2016), Framer Framed, Amsterdam/Niederlande (2016), Thessaloniki Biennale/Griechenland (2015).
2018/2019 war sie Stipendiatin am Künstlerhaus Büchsenhausen in Innsbruck/Österreich (Fellowship-Programm für Kunst- und Theorie).
Sie ist Künstlerische Mitarbeiterin für bildende Kunst an der Kunsthochschule Kassel/Deutschland und Ausstellungsgestalterin für das Forum Expanded der Internationalen Filmfestspiele Berlin/Deutschland. Sie absolvierte ihren BA in Wirtschaft und Lateinamerikanischen Studien an der University of Minnesota/USA und ihren MA in Film- und Medienwissenschaften an der New School, New York/USA. Derzeit promoviert sie an der Akademie der bildenden Künste in Wien/Österreich.

Sabina Hyoju Ahn (*1984 in Seoul/Südkorea) ist Medienkünstlerin. In ihrer Forschung befasst sie sich mit der Suche nach verborgenen Regeln und Mustern in natürlichen Elementen und den vielschichtigen Beziehungen zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Lebewesen, indem sie nicht wahrnehmbare Daten in unterschiedliche Wahrnehmungserfahrungen übersetzt. Sie verwendet häufig biologische Materialien, die sie miteinander kombiniert, mit Maschinen verbindet oder transformiert. Ihre aktuelle Forschung konzentriert sich auf die physikalischen Grundlagen des menschlichen Wahrnehmungssystems und vereint postdigitale Medienkonzepte mit zeitgenössischen wissenschaftlichen und künstlerischen Forschungsmethoden.

Sie studierte Computational Arts am Goldsmiths, University of London/Großbritannien (MA, 2015), und ArtScience am Royal Conservatoire und der Royal Academy of Art, Den Hague/Niederlande (MA, 2017). 

Ihre Arbeiten wurden in Südkorea und Europa ausgestellt: transmediale, Berlin/Deutschland (2016/17), Mediamatic »Biotalk«, Amsterdam/Niederlande (2017), Athens Digital Arts Festival/Griechenland (2017), Art Center Nabi, Seoul (2018), ACT Festival, Gwangju/Südkorea (2017/2019), V2_Lab for the Unstable Media, Rotterdam/Niederlande (2018), TADAEX Festival, Tehran/Iran (2018), WRO Media Art Biennale, Breslau/Polen (2019), u. a. 2018 war sie Artist-in-Residence an der Cité Internationale des Arts, Paris/Frankreich, unterstützt von der Gana Foundation for Arts and Culture, Seoul. 2017 wurde ihr auf der NIME-Konferenz (Conference on New Interfaces for Musical Expression) in Kopenhagen/Dänemark der Award Best Sound Performance from NIME verliehen.

Grayson Earle (*1987 in Kalifornien, USA) ist Medienkünstler und lebt und arbeitet in Brooklyn, New York/USA. Seinen BA in Film and Media Studies absolvierte er an der University of California in Irvine/USA (2009) und seinen MFA in Integrated Media Arts am Hunter College in New York (2013). Er unterrichtete am Hunter College, an der New School in New York sowie am Oberlin College/USA. 2019 war er Artist-in-Residence bei Pioneer Works in New York.

Sein vielbeachtetes Projekt Bail Bloc (2017) wurde im MoMA PS1, im Whitney Museum of American Art, New York, in der Kate Vass Galerie, Zürich/Schweiz, und bei Radical Networks, Berlin/Deutschland, gezeigt. Bail Bloc ist ein dezentralisiertes Softwareprojekt, das freie Rechenkapazitäten von Laptops oder Desktop-Computern nutzt, um Kryptowährung zu schürfen. Das eingenommene Geld wird für Kautionen eingesetzt, um Menschen mit niedrigem Einkommen in New York zu helfen, aus dem Gefängnis freizukommen.

Für Bail Bloc erhielt er 2018 den mit 5.000 US-Dollars dotierten und mit einer Ausstellung im Knockdown Center in New York verbundenen Ethereal Arts Grant. Sein experimentelles Spiel WURM: Escape from a Dying Star wurde mit dem Jury Selection Award des Japan Media Arts Festival in Tokio/Japan (2016) ausgezeichnet.

Er ist Mitglied des New Yorker Künstler*innenkollektivs The Illuminator, das aus der Protestbewegung Occupy Wall Street hervorgegangen ist. Die Gruppe hat Hunderte Guerilla-Videoprojektionen in den USA, Kanada, Europa und Südamerika realisiert.

Ana María Gómez López (*1981 in Kolumbien) schafft dauerhafte und körperbezogene Arbeiten, die im Selbstversuch und in der wissenschaftsgeschichtlichen Archivrecherche verankert sind. Ihre Werke wurden unter anderem im Rijksmuseum Boerhaave, Leiden/Niederlande (2018), im Fonds d’Art Contemporain, Genf/Schweiz (2017), im Universiteitsmuseum Utrecht/Niederlande (2017), und im deCordova Sculpture Park and Museum, Lincoln/USA (2014), gezeigt.

2015 wurde sie mit dem Premio Nacional de Artesder Universidad de Antioquia, Medellín/Kolumbien, ausgezeichnet. Sie war Artist-in-Residence an der Osler Library for History of Medicine der McGill University, Montreal/Kanada (2020), der Eskenazi School of Art, Architecture and Design an der Indiana University Bloomington/USA (2020), der Cité Internationale des Arts, Paris/Frankreich (2019), der Rijksakademie van Beeldende Kunsten, Amsterdam/Niederlande (2017/18), und der Skowhegan School of Painting and Sculpture, Madison/USA (2015). Sie war Stipendiatin des Netherlands Institute for Advanced Study in the Humanities and Social Sciences, Amsterdam (2019), des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte, Berlin/Deutschland (2016), und der Beinecke Rare Book and Manuscripts Library, New Haven/USA (2013).

Clara Jo (*1986 in den USA) lebt und arbeitet als Künstlerin in Berlin/Deutschland. Sie studierte Fotografie (BA, 2008)  am Bard College, New York/USA, und war Meisterschülerin im Bereich Bildende Kunst (2013) am Institut für Raumexperimente der Universität der Künste Berlin.

Ihre Arbeiten waren unter anderem in der Royal Academy of Arts, London/Großbritannien, im Institute of Contemporary Arts, London, in der Alliance Ethio-Française d’Addis-Abeba/Äthiopien sowie in Berlin im Arsenal – Institut für Film und Videokunst, im Hamburger Bahnhof, in der Neuen Nationalgalerie, im Museum für Fotografie, bei Savvy Contemporary und in der Akademie der Künste zu sehen.

Sie war Stipendiatin der King’s Artists Residency des King’s College London (2020) und der Cité Internationale des Arts in Paris/Frankreich (2019), gefördert durch die Senatsverwaltung für Kultur und Europa in Berlin. 2018 erhielt sie ein Smithsonian Artist Research Fellowship.

Maxwell Mutanda (*1983 in Harare/Simbabwe) ist multidisziplinärer Forscher, bildender Künstler und Designer. Er verbindet akribisch-detaillierte Collagen und architektonische Praxis, um nachhaltiges partizipatorisches Design zu schaffen. Er ist Mitbegründer des Designforschungsbüros Studio [D] Tale, das sich disziplinenübergreifend mit sozialen und ökologischen Fragen befasst, darunter Architektur, städtischer Nahverkehr, Migration und Produktinnovation.

Er war Stipendiat der IdeasCity New Orleans/USA, einer Initiative des New Museum in New York/USA (2019), sowie der Residenzprogramme Africa’sOut!, Denniston Hill, New York (2018), und ColabNowNow des British Council, Maputo/Mosambik (2018). Sein Studium der Architektur absolvierte er an der Bartlett School of Architecture, University College London/Großbritannien. 2020 erhielt er das MSc Sustainable Urban Development Sheehan Stipendium der University of Oxford/Großbritannien.

Seine Arbeiten wurden unter anderem im Louisiana Museum of Modern Art in Kopenhagen/Dänemark (2015) und im Arc en Rêve Centre d’Architecture in Bordeaux/Frankreich (2015) ausgestellt. Darüber hinaus war Studio [D] Tale auf der Oslo Architecture Triennale/Norwegen (2019), der Architekturbiennale in Venedig/Italien (2016/2014), der Chicago Architecture Biennial/USA (2015) und auf dem London Design Festival (2015) vertreten.

Er war Gastdozent und Gastkritiker an der University of Cape Town, Kapstadt/Südafrika, und an der University of Johannesburg/Südafrika (2016/2017).

Joana Quirogas (*1982 in Vitória/Brasilien) Arbeit ist dem täglichen Leben und seiner philosophischen Tiefe gewidmet. Gegenwärtig beschäftigt sie sich vor allem mit der Frage, wie anhand des Nahrungsmittels Brot über soziale Ungleichheit nachgedacht werden kann, wobei insbesondere die sozialen Ursachen und der Kampf für Bürgerrechte im Fokus ihrer Auseinandersetzung stehen. 2010 schloss sie ihr Studium mit einem MA in Philosophie an der Federal University of Espírito Santo in Vitória ab. Für diese Zeit erhielt sie das FAPESP-Stipendium.

Zu ihren Projekten zählen Fermento: do ar ao seu redor, Galeria Homero Massena, Vitória (2016), Half Fed, Academy of Arts, Novi Sad/Serbien (2019), Quebra-cabeça. Textos de Filosofia, Buchprojekt gemeinsam mit Bernardo Boelsums (2008), sowie Veröffentlichungen von Artikeln zu Urban Art und anderen Themen.

Von 2018 bis 2019 war sie Artist-in-Residence an der Academy of Arts in Novi Sad im Rahmen des Programms Artist Menu. Darüber hinaus nahm sie an weiteren Residenzprogrammen und Ausstellungen in Italien, Bosnien-Herzegowina, Mexiko, Serbien und Deutschland teil. Gemeinsam mit dem Künstler Fredone Fone ist sie Teil des Künstler*innen duos Pêndulo.



Programmleitung

Daniela Leykam 


Bildnachweise:

01. Bild: Quelle: Akademie Schloss Solitude, Urheber/ Fotograf: Frank Kleinbach
02. Bild: Quelle: Akademie Schloss Solitude, Urheber/ Fotograf: Frank Kleinbach
03. Bild: Quelle: Akademie Schloss Solitude, Urheber/ Fotograf: Frank Kleinbach
04. Bild: Quelle: Akademie Schloss Solitude, Urheber/ Fotograf: Frank Kleinbach
05. Bild: Quelle / Urheber: Akademie Schloss Solitude